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Das Steckliträge

Das "Steckliträge"


Die vier Jahreszeiten sind Ausdruck des Jahreslaufes der Natur, jährlich wiederkehrendes Brauchtum strukturiert den menschlichen Jahreslauf. Leider sind von den typischen Wiler Bräuchen nicht mehr viele vorhanden. Dies ist zwar zu bedauern, doch hat Brauchtum nur dann einen Sinn, wenn es von "innen", von den Trägern her lebt und nicht als leere Form, als "Tradition" im schlechten Sinn, über die Jahre geschleppt wird.

Das "Steckliträgen" im Herbst, genauer Ende September oder anfangs Oktober, gehört zur "lebendigen" Sorte. Aus Anlass des Endschiessens der Stadtschützen führt jeweils der festliche Umzug vom Hofplatz durch die Stadt, früher ins Schützenhaus am Stadtweiher, später ins Hotel "Schwanen", heute zum Tonhalleschulhaus. Die auf diesen Anlass hin von den Vereinsmitgliedern und Gönnern gespendeten Gaben werden, an Stecken gebunden, von der Schuljugend mitgetragen. Als Lohn winkt heute wie früher "ein gesottener oder Butter-Ring".  Der zottelige Wiler Bär, der feuerrote "Schybezeiger" und die bunten "Pejasse" sind die nicht wegzudenkenden Bestandteile des Umzugs, ebenso wie die Wiler Trachten, wie die Tambouren und die Stadtmusik und, selbstverständlich, die Schützen und die Zeiger. In einer Wiler Chronik wird besonders das Treiben der Kinder wie folgt beschrieben: "... Bei diesem Anlasse ergötzte sich die Kinderwelt durch Spielen mit Nüssen oder anderer Art, und dann an den Gaben von Brötchen oder gesottenen Ringen, die der Bestgewinner des Tages vom zweiten Stock herab unter sie 'röpfeln', das heisst werfen liess, wo dann das Untereinanderpurzeln der rüstigen Jugend selbst dem so ernstgestimmten Zuschauer oft noch ein Lächeln abnöthigten." Ab 1874 gehörten die Wiler Kadetten, gebildet aus den Knaben der Realschule, ebenfalls zum Umzug, bis diese Form des militärischen Vorunterrichts in den 20er-Jahren unseres Jahrhunderts aufgehoben wurde.

 

Wie es sich für einen lebendigen Brauch gehört, ist über die Entstehung des "Steckliträgens" wenig zu erfahren. Gewiss dürfen die häufigen und regelmässigen Vergabungen im 15. und 16. Jahrhundert von Wein und Hosen durch den Schul-theiss und die Räte auf das letzte Schiessen hin als Vorläufer des "Stecklitragens" angesehen werden. Erste Notizen über einen eigentlichen Umzug aber finden sich erst im Ratsprotokoll von 1665, wo zum Beispiel 1669 alle Schützen, ohne die Ratsherren, am "Umbzug" teilzunehmen hatten. In den Schützenprotokollen selber finden sich ganz wenige Notizen aus älterer Zeit. Erst im 19. Jahrhundert sind ausführliche Listen über die Spender und ihre Gaben zu finden. In der Regel wurden Sachspenden bevorzugt, doch sind auch etliche Geldspenden vermerkt. So brachte beispielsweise1853  der Gabentempel die respektable Summe von Fr. 196,70, die von total 37 Spendern aufgebracht wurden. Akribisch genau wurde dabei aufgezeichnet, aus welchen Motivationen die Gaben denn geleistet wurden. So sind allein 19 Spenden infolge der in diesem Jahr erfolgten oder bestätigten "Beamtung" zu finden, gefolgt von 10 Nennungen wegen Heirat. Für 7 Spender wird eine Erbschaft als Grund vermerkt. Die nun folgende Notiz erhellt die Methode zur Erlangung von Gaben, indem eine Aufstellung von Personen folgt, die nichts spendeten. Unter dem Titel "Von den sämtlichen, persönlich durch den Schützenrath beglückwünschten haben einzig nichts verabreicht : " werden sie aufgelistet, und diverse Bleistifbemerkungen zeigen, wie übel ihr "Vergehen" vermerkt wurde.

Wie dem auch sei, das folgende Gedicht, das anlässlich des besonders festlichen Umzuges von 1936, bei dem erstmals die neue Fahne der Stadtschützen mitgetragen wurde, von Paul Brändle geschaffen wurde, vermittelt mehr als alle historischen Abhandlungen auch heute noch das spezielle "Steckliträge"-Gefühl:

Do strahled d Bäckli wie Zinober
bim Steckliträgen im Oktober.
Das ist e Fest, das ist en Chräbel;
do hüpfed d Bei und laufed d Schnäbel.
Viel hundert Chinde strecked si
und recked si und necked si,
und jedes möcht e  Steckli ha
mit öppis bsunders Schönem dra.
Do bampled Pfanne, döt e Worst
und dei e Fläsche för de Dorst;
de Seppli treit mit rote Bäckli
e Pärli Finken a sim Steckli.
Und Hoseträger, Schirm und Chappe
siehst lustig um de Stecke gnappe.
Viel Fähnli flattred lustig mit,
dass s recht e farbigs Bildli git,
und Steckli au mit gmolte Brettli,
die Chline trägeds stolz dur s Städtli.
Am Schluss mit Blueme, gad wie d Brut,
stönd d Meitli vom Instidut.
De President git endlech s Zeiche
derab zo n erst Trommlestreiche.
Juhu, jetz goht der Umzug a !
Lueg, wie n er tanzt, de Hampelma !
Und au de Bär chunt mit sim Gwehr
gär trollig und vergnüegt dether.
So gohts mit Musig, Gwehr und Fahne
zum Schlusseffekt derab in "Schwane",
wo jedes Chind, das öppis treit,
fürs Butterringli danke seit.
Und s Steckliträge - o herjeh -
ist scho verbi - - of Widerseh !

 

Werner Warth, Wil

Das Steckliträge
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Letztes Update: 02.10.2018 Korrekturen