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19. Jahrhundert  >  Die Hungersnot von 1817

Die Hungersnot von 1817

Die Hungersnot von 1817

Zufolge der mageren Ernte im Sommer 1816 entstand grosser Mangel an Frucht, und eine Teuerung begann, die besonders im Winter zu ausserordentlichen Massnahmen nötigte. Gemeinderat und Ortsverwaltungsrat fanden Mitte März 1817 17 Familien, denen mit Lebensmitteln aller Art geholfen werden musste. Die Verwaltung schoss die Mittel zur Unterstützung vor. Das Seckelamt lieferte den Haber und das Spitalamt die Kartoffeln. Ein Amtsbauer ackerte im Frondienste die notwendigen Aecker um, wenn die Gesuchsteller dies zufolge Altersschwäche nicht selbst besorgen konnten. Im April stiegen die Preise so an, dass die Befürchtung aufstieg, auch um Geld keine Früchte mehr zu erhalten. Derngemäss wuchs die Zahl der Armen. Auf erfolgten Aufruf trugen sich viele Bürger an, mit ihren vorrätigen "Grundbirnen" Vorschuss zu leisten.

Der Regierung gelang, Getreide aus Süddeutschland hereinzubringen. Der Müller Thalmann in der oberen Mühle erhielt denn auch 11 Säcke Kernen, 2 für die Mühle Weiern, 9 für die obere und untere Miihle in Wil und für die Genfeinde. Die Bürgerversammlung vom 17. April 1817 erteilte der Verwaltung bis 2000 G Kredit für alle im äussersten Notfall notwendigen Massnahmen. Missbräuche drängten eine neue Ueberprüfung der unterstützungswürdigen Personen auf. Die Kommission kam dabei auf neun wirklich Arme, welche bisher schon Unterstützung vom Spital bezogen hatten, fünf, welche zu ihrer Aussaat und zu ihren Hausbediirfnis Unterstützung bedurften und 37 solche, welche nur für die Aussaat Hilfe beanspruchten. Für die Saat musste eine Rückvergütung vor der Ernte je zur Hälfte in Natura und Geld stattfinden. Die Lebensmittel wie auch die häusliche Barunterstützung in Geld zurückzugeben, blieb den Bezügern überlassen. Im Mai konnten in Rorschach drei Fässer Kartoffeln, zu 24 G das Fass, bezogen werden. Versuchsweise erfolgte die Abgabe von Habermus, je nach der Haushaltung, zu einen halben oder ganzen Vierling, unter dem Vorbehalt der Zurückgabe oder Vergütung durch entsprechende Arbeitsleistung. Um der trotzdem drohenden Hungersnot vorzubeugen, befahl die Regierung durch die Kreisammänner, in allen Gemeinden Sparsuppen zu veranstalten. Zunächst schritt Bronschhofen, dessen Armenliste 210 Namen aufwies, zur Ausführung dieses Begehrens. Am 20. Juni trat dieses Hilfswerk erstmals in Funktion. Für den unteren Schneckenbund standen 74 und fiir den oberen 138 Portionen zur Verteilung. Eine erwachsene Person konnte 1/2 Mass und ein Kind 1/4 Mass Suppe beziehen.

Die Kommission einer Hilfsgesellschaft aus geistlichen und weltlichen Herren übernahm die Hilfsleistung an die Kantonsbiirger in der Pfarrgemeinde. Sie bestritt aus den Erträgnissen einer Subskription, durch je einen geistlichen und weltlichen Herrn durchgeführt, und aus zwei Kirchenopfern die notwendigsten Bedürfnisse. Daraus überwies sie 50 G der Gemeinde Schneckenbund, deren Suppenanstalt ihr so gut gefiel, dass sie dieses Liebeswerk auch in der Stadt einrichtete. Das Spital übernahm die Zubereitung und der Kreisammann in Gegenwart zweier Mitglieder der Hilfskommission die Austeilung der täglichen Suppe. Die gefährliche Witterung im Sommer 1817 nötigte zur vorsichtigen Verwendung der Gelder, um bei allfälligem Unglücke über Barmittel verfügen zu können. Der Früchtebezug von Rorschach stiess indessen auf Widerstand, da dieser Vorrat nur armen Gemeinden, die solche nicht selbst beziehen konnten, und nicht der Stadt zudiente. Das eingeschränkte Mehl-Quantum zwang die Bäcker, die ganze Woche kein grosses Brot zu backen, sodass Mangel entstand. Der Rat verbot daher, Brot auf das Land zu verkaufen und Kleinbrot ausser am Dienstag zu backen, erlaubte aber einpfündige "Schiltbrote" zu erstellen.

Allmählich nahte das Ende des Sommers und mit ihm die Frucht der neuen Saat. Vier Wächter zogen seit 11. August täglich von morgens 4 Uhr bis abends 10 Uhr auf die Wache, um Diebstähle, wie sie schon erfolgt waren, zu verhindern. Die Ernte fiel gut aus. Die Hilfsgesellschaft hielt am 31. August 1817 ihre Rechnungsgemeinde. Sie ergab an Einnahmen aus den Opfern 168 G, aus den aufgenommenen Kollekten 1032 G 38 Kr. und aus den Aeintern 118 G 6 Kr.; an Ausgaben 667 G 47 Kr. für die Armensuppe der Gemeinde, 448 G 45 Kr. Ueberweisungen an Bronschhofen und einen Vorschuss von 202 G 12 Kr., wo-von 51 G 15 Kr. für Lebensmittel an die Gemeinde Bronschhofen und der Rest zur Bestreitung der Auslagen der Suppenanstalt für weitere 14 Tage Verwendung fanden. Die gute Ernte und der Abschlag der Lebensmittelkosten brachten wieder normalere Verhältnisse. Die gemeinsame Not hatte Behörden, Stadt und Land, vermöglichere und ärmere Kreise der Bevölkerung einander näher gebracht und damit auch zu einer friedlichen Zukunft beigetragen.

(Ehrat, Karl, Chronik der Stadt Wil, Wil 1958, S. 300ff)

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Letztes Update: 31.01.2019